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Geschichten aus Gletsch

Das Grandhotel Glacier du Rhône

Mitten in der Berglandschaft, weitab der Zivilisation steht ein stattliches Gebäude, das sogar in einer Stadt auffallen würde. Im Ursprung eine Pferdewechselstelle und ein Zwischenhalt für Passreisende, eine Karawanserei, wurde das Hotel zu seinen besten Zeiten Grandhotel Glacier du Rhône genannt.

Sein Erbauer ist sinnbildlich für die wirtschaftliche Aufbruchstimmung im 19. Jahrhundert: Alexander Seiler der Ältere hatte als Kind noch Ziegen gehütet und galt gegen Ende seines Lebens als einer der grössten Hotelunternehmer der Schweiz. Dazu brauchte es viel Mut. Dass in Zermatt der steigenden Nachfrage Rechnung getragen wurde und Hotels gekauft und vergrössert wurden, war das eine. Das andere ist aber, weitab von anderen Siedlungen, an einer Kreuzung von Passstrassen, am Fusse des Rhonegletschers ein Hotel zu eröffnen!

Dass es bald in gehobeneren Kreisen zum guten Ton gehörte, auf seiner Schweizreise unbedingt eine Nacht hier abzusteigen, war kein Zufall. Nach dem Tod des Gründers 1891 baute vor allem einer der 16 direkten Nachkommen, Joseph Seiler, das Angebot kontinuierlich aus und entwickelte hier, in der wilden Berglandschaft, eine Qualität, die sich mit den besten Häusern Europas messen konnte. Und natürlich war die Nähe der Gletscherzunge ein besonderer Trumpf: Mit dem hauseigenen Kraftwerk wurde Strom produziert, der es erlaubte, als zusätzliche Attraktion den hoteleigenen (!) Gletscher zu beleuchten.

Auch in der Hochblüte des Grandhotels blieb der Charakter der Karawanserei erhalten: Als Etappenhalt für Leute, die nicht zum persönlichen Vergnügen, sondern aus Notwendigkeit unterwegs waren. Für diese gab es bereits um 1900 die Möglichkeit, günstig in der Dépendance zu übernachten. Fahrende machten regelmässig beim Hotel Halt.

 

Aber der Tourismus wurde immer schnelllebiger, die Margen knapper. Die Angestellten arbeiteten rund 100 Tage hier und 260 Tage woanders. 260 Tage ist Gletsch auch heute noch kaum zugänglich und versinkt im Winterschlaf. Auch wenn sich in den 100 Tagen, in denen Gletsch offen ist für Gäste, heute nicht mehr das grosse Geld machen lässt, spielt der Tourismus im faszinierenden Dorf weiterhin eine wichtige Rolle.

 

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